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Offener Brief

3. Februar 2012 | Offener Brief des Freundeskreises Schauspiel Leipzig an den Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung und an die Mitglieder im Kulturausschuss der Stadt Leipzig.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Jung,
sehr geehrte Mitglieder des Betriebsausschusses Kulturstätten!


Als Kuratorium der Peter-Welzel-Stiftung und Freundeskreis des Schauspiel Leipzig e.V. verfolgen wir die Diskussion – oder besser – die nicht stattfindende Diskussion über die Leipziger Kulturlandschaft, insbesondere über ihr Theater, mit großer Sorge. Entscheidungen müssen bald getroffen und sie müssen transparent getroffen werden. Hier sehen wir erheblichen Handlungsbedarf auf der Ebene der Stadtverwaltung.
Worum geht es? Letztlich doch vor allem darum, den Kulturstandort Leipzig stetig zu verbessern. Eine Stadt wie Leipzig darf nicht in die Situation gebracht werden, dass man sie lediglich noch als Musikstadt sieht, auch wenn es sich dabei unbestritten um eine besonders wichtige "Profilierung" handelt. Aber eine Stadt mit mehr als 500000 Einwohnern benötigt auch eine Theaterkultur, die diesen Namen verdient. Wir bitten Sie deshalb dringlich, die Nachfolgeentscheidung für Sebastian Hartmann als Chance für Leipzig zu begreifen und entsprechend professionell vorzubereiten.


1. Wichtig wäre insbesondere den immensen Zeitdruck zu begreifen, der in der Nachfolgeentscheidung bereits jetzt eingetreten ist. Ein Intendant braucht erfahrungsgemäß mindestens ein Jahr, um sein Haus zu bestellen und das Programmkonzept zu entwickeln. Das bedeutet im Hinblick auf die Spielzeit 2013/14, die Nachfolgeentscheidung müsste spätestens im März/April dieses Jahres getroffen sein, damit bestimmte Personalentscheidungen noch greifen können. Wer – wie wir und hoffentlich auch der Betriebsausschuss Kulturstätten – ein Haus mit überregionaler Bedeutung will, weiß, dass dies ohne eine überregional und hochkarätig besetzte Findungskommission nicht geht.
Hinzu kommt, dass in der deutschen Theaterlandschaft eine große Dynamik mit vielen Intendantenwechseln zu beobachten ist. Es besteht die Gefahr, dass Wunschkandidaten sich schon anderweitig verpflichtet haben. Der Findungsprozess muss deshalb zwingend beschleunigt werden.

2. Dem lässt sich nicht entgegenhalten, bevor man sich auf die Intendantensuche begebe, müsse eine Konzeption für das Haus und künftige Strukturen vorliegen. Dies schon deshalb, weil nicht zu sehen ist, dass derzeit jemand eine solche Konzeption, die auch künstlerische Belange beinhalten müsste, erarbeiten könnte. Wer käme denn in Betracht: der scheidende Intendant, der Betriebsauschuss Kulturstätten, andere
Gremien? Angesichts der Zeitnot erscheint es allenfalls angemessen, einen groben Rahmen (z.B. Wahrnehmung eines Bildungsauftrages, Ansprechen eines breiten Publikums, lokale Bezüge, dosiert experimentelles Theater) für ein Konzept vorzugeben, das die Kandidatinnen und Kandidaten dann der Findungskommission vorzustellen hätten.


3. Der grobe Rahmen eines Konzeptes mag auch finanzielle Eckdaten enthalten. Aber: Es muss bei der Aussage des actori-Gutachtens bleiben, wonach im Schauspiel Leipzig keine Möglichkeiten für Kürzungen bestehen. Wir unterstützen diese Aussage mit Nachdruck. Weitere finanzielle Kürzungen träfen voll den künstlerischen Bereich. Die Folge? Weniger Produktionen müssten länger laufen, Gastspiele und Kooperationen wären reduziert. Beides würde sich unmittelbar negativ auf die Besucherzahlen auswirken. Das Ansehen des Theaters würde geschädigt; auch betriebswirtschaftlich wäre eine solche Maßnahme nicht vertretbar.


Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Jung,
sehr geehrte Mitglieder des Betriebsausschusses Kulturstätten,
aus unserer Sicht gehören zu einem Theater der Größenordnung des Schauspiels Leipzig unverzichtbar mehrere Aufführungsstätten. Dies bedeutet unter heutigen Bedingungen: Die Skala als kleine Spielstätte muss jedenfalls so lange erhalten bleiben, bis eine neue kleine Spielstätte zur Verfügung steht. Es gibt nun einmal Literaturen und Stücke sowie entsprechende zeitgenössische Stoffe, die auf einer großen Bühne nicht aufgeführt werden können. Außerdem ist eine kleine Spielstätte unverzichtbar für die unmittelbare Kommunikation, für das Gewinnen jugendlicher Besucher, kleinere Projekte, experimentelles Theater, Lecture Performance u.a., zudem stellt sie auch eine wichtige Schnittstelle zur Hochschule für Musik und Theater dar. Die Existenz einer kleinen Spielstätte wird die Entscheidung möglicher Intendantenkandidaten
sicherlich beeinflussen. Deshalb bitten wir Sie um ein klares Bekenntnis zum Erhalt der Skala und zu ihrer Finanzierung, bis eine neue Spielstätte deren Funktion unmittelbar übernehmen kann.

Mit freundlichen Grüßen
Doris Flagmeyer
für das Kuratorium der Peter-Welzel-Stiftung und den Freundeskreis des Schauspiels Leipzig

 

Weil es unser Theater ist